Ein unvergleichliches Gras, 2.Teil

von Sandra Makowski

„Einer der Hauptgründe für dieses rapide steigende Interesse an dem natürlichen Stoff ist, dass innovative Technologien immer neue Verwendungsmöglichkeiten aus ihm hervorholen, dass die Verarbeitungsmethoden immer besser, immer raffinierter werden, die aus Bambus gewonnenen Materialien immer vielfältiger. So entstehen zum Beispiel durch Erhitzen von Bambus in einem Druckkessel (Karbonisieren) Reaktionsprodukte, die für eine braune Durchfärbung des Grases sorgen und für dessen höhere Resistenz gegen Pilze und Insekten. Bambus muss zu Lamellen aufgespalten und verklebt werden, damit er sich zu massiven Balken verarbeiten lässt – ein Verfahren, aus dem sich im Endprodukt interessante Kontraste ergeben können, etwa zwischen dunkleren und helleren Sorten. Als Laminat ist Bambus derart belastbar, dass ihm, ganz im Gegensatz zu Buchenparkett, selbst klackende Stöckelschuhe nichts anhaben können. Das Naturmaterial bekommt man in vielen Schattierungen, in Dimensionen von schmal bis gigantisch. Unter den weit über tausend Arten der rund 75 Bambusgattungen gibt es sogar eine, die innen nicht hohl ist.

Botanisch gesehen handelt es sich bei Bambus um ein Gras, einen „Primärspross ohne sekundäres Dickenwachstum“. Während ein Baum Jahresringe anlegt, wächst Bambus in die Höhe. Erntet man die Halme nicht, kommt es im Bambuswald irgendwann zu einer synchronen Blüte. Bei manchen Arten kann es ein Jahrhundert dauern, bis dieses flächendeckende Spektakel stattfindet – erst danach sterben die Pflanzen ab. Manche versprechen sich vom rasch nachwachsenden Bambus eine grünere Welt. „Bäume brauchen 20, 30, manchmal sogar 50 Jahre, bis man sie fällen kann, Bambus hingegen kann schon nach drei bis fünf Jahren geerntet werden“, erklärt der aus Israel stammende, seit 1999 in Amsterdam arbeitende Möbeldesigner Jair Straschnow.

Bambusgewächse gehören zur Familie der Süßgräser. Die hohen Halme lassen sich einzeln ernten – das gefällt auch den „Treehuggern“ unter der internationalen Kundschaft. Ein kahlgeschlagener Wald irgendwo in Asien? Bei einem Bambusfeld unmöglich, da hier immer nur die reifen Halme aus dem Wald geholt werden. Es sei eher so, als würde man die Äpfel eines Baumes ernten statt den Baum zu fällen, sagen diejenigen, die auf das Material schwören. Jair Straschnow etwa setzte bewusst auf den „grünen“ Werkstoff, als er seine „Grassworks“-Kollektion entwickelte, eine mit dem „Brit Insurance Design Award“ ausgezeichnete Möbellinie. „Ich wollte eine wirklich grüne Produktlinie entwerfen.“ Dafür war Bambus ideal. Schnell nachwachsend, von Hand geerntet, laminiert mit einem Leim auf Wasserbasis. Straschnow entwarf Möbel mit einem Minimum an  Materialeinsatz, orderte hauchdünne Laminate für wunderschöne Oberflächen. All das realisiert mit traditionellem Tischlerhandwerk, das mit ziemlich wenig störenden Schrauben auskommt.

Die Niederlande, sie sind seit Jahrzehnten ein fruchtbares Feld für Möbelgestalter. „Dutch Design“ ist eine Weltmarke – das gilt auch für Objekte aus Bambus. Wer die Exponate der „Rethinking Bamboo“, einer Ausstellung anlässlich der Peking Design Triennale, durchsieht, wird sich fast wie bei einem Heimspiel der Niederländer vorkommen. Die von taiwanesischen Institutionen ins Leben gerufene Sammlung „Yii“, in der sich die herausragendsten Bambus-Objekte aus aller Welt wiederfinden, wird kuratiert von Gijs Bakker, einem der Begründer des einflussreichen, in Amsterdam ansässigen Designerkollektivs „Droog Design“. Das kleine Küstenland, es hat wegweisende Architektur hervorgebracht und gehört seit Jahrzehnten zur weltweiten Avantgarde, wenn es um Möbeldesign geht. Kein Wunder, dass viele der aufregendsten Entwürfe aus dem tropischen Gras in dieser Seefahrernation entstanden sind.“

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Quelle: http://www.premiumpark.de/artikel/ein-unvergleichliches-gras

Autorin: Sandra Makowski, nurweiterso.de